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28.10.2019

DEUTSCHER TANZPREIS FÜR GERT WEIGELT Anerkennung für Isabelle Schad und Jo Parkes

Quelle: www.tanznetz.de

Gert Weigelt wurde im Rahmen einer Gala in Essen als erster Fotograf mit dem Deutschen Tanzpreis für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Anerkennung für ihre innovative, gesellschaftskritische Arbeit verdienen sich die "Körperforscherin" Isabelle Schad und Jo Parkes, Tanzkünstlerin für partizipative Tanzprojekte.

Gert Weigelts Fotografien seien "nicht allein Dokumente des Tanzes ... Sie sind eine Feier des Tanzes" heißt es in der Begründung zur Verleihung des Deutschen Tanzpreises 2019 an den Rheinländer. Martin Puttke überreichte ihm am Samstag, den 19. Oktober im Rahmen der traditionellen Gala im Essener Aalto-Theater die Urkunde. In seiner Laudatio analysierte Thomas Thorausch, stellvertretender Leiter des Deutschen Tanzarchivs Köln, dass unser Blick auf die Fotografie von Tanz sich mit zunehmender Dauer "in ein sehnsuchtsvolles Schauen in fiktionale Weiten" verwandele, "als könne (er) ... über jegliche Flüchtigkeit der Tanzkunst und die Flüchtigkeit unserer Wahrnehmung triumphieren".

"Für herausragende künstlerische Entwicklungen im zeitgenössischen Tanz" ehrte der erstmals federführende "Deutsche Dachverband Tanz" außerdem die in Berlin tätige "Körperforscherin" Isabelle Schad und die international mit ihrem Projekt "Mobile Dance" arbeitende Tanz- und Videokünstlerin Jo Parkes. Das Werk der beiden innovativen Bewegungskünstlerinnen würdigte bereits am Vortag ein Tanzabend auf PACT-Zollverein.

Videoinstallationen von Parkes auf Monitoren und per Kopfhörer in den Foyers des Aalto-Theaters verwirrten leider vor allem wegen technischer Pannen, zeigten aber deutlich genug ihr Anliegen, die Sehnsucht einfacher Menschen nach tänzerischen Posen als Freiraum vom Alltag zu verstehen. Die Auszeichnung sei insbesondere verdient, wie die Laudatorin Clare Connor vom Londoner Haus für Tanzentwicklung "The Place" betonte, für Parkes' Tanz-Workshops mit Mobile Dance, einer Berliner Initiative für Flüchtlinge in Berlin als Hilfe bei der Bewältigung ihrer Traumata.

Isabelle Schads "Collective Jumps" mit Laurent Goldring zielt in dieselbe Richtung und unterstreicht damit, wie richtig und wichtig die Gemeinschaftsbildung in Tanzproduktionen ist: der Ausschnitt aus der Choreografie fordert mit verfremdetem Folkloretanz deutlich zu Annäherung an andere auf.

Gert Weigelt - Realist und Künstler

Gert Weigelt entwickelte sich schon als Schüler zum ebenso nüchtern experimentierenden wie passionierten Kunstturner und Fotografen. An die 25 Fotoausstellungen hat er aus Abertausenden eigener Bilder thematisch sorgfältig gruppiert und als ausstellungsreife Komponenten zusammengestellt. Die Verbindung zur Bühne hielt er nach Ende seiner Tanzkarriere als Produktionsfotograf. Für seine künstlerische Sicht bat er Tänzerinnen und Tänzer in sein Studio für exklusive Detail-Aufnahmen. Natürlich fokussierte sein Blick stets auf große Talente in Choreografie und Tanz, geschult und geschärft an den eigenen Erfahrungen als Tänzer in europäischen Metropolen (ausführliches Porträt im Spielzeitheft 2018 von tanznetz.de).

Kein Wunder also, dass das Publikum der Gala beim Betreten des Zuschauerraums eine große Leinwand auf dem Vorhang begrüßte, auf der rotierend Porträtfotos von einem Dutzend prominenter ChoreografInnen und jeweils ein Produktionsfoto von Weigelt dazu gezeigt wurden. Diese Leinwand nutzte Weigelt später nach seiner Dankesrede für die Auszeichnung, um eine Kurz-Hommage an seine am meisten bewunderte Choreografin zu zeigen. "Pinatz" widmete er Ende der 1990er Jahre Pina Bausch. Darin skizziert er sie und ihre Arbeit in aller Kürze mit genial unterhaltsamem Humor und Raffinement.

Im Tanzprogramm boten sechs Tänzer vom Bayerischen Junior Ballett München Xin Peng Wangs abstrakte Studie "Im Wald". Auf Isabelle Schads Gruppenstück "Collective Jumps" folgten Martin Schläpfers Solo "Ramifications" für Marlúcia do Amaral, Hans van Manens von Igone de Jongh und Jozef Varga hinreißend getanzte "Trois Gnossiennes". Lutz Försters Gebärdensprachen-Solo "The Man I Love" aus Pina Bauschs "Nelken" tanzte der charismatische Bausch-Tänzer der ersten Stunde als persönliche Gratulation an Weigelt. Das Staatsballett Berlin beeindruckte mit zwei gegensätzlichen, hochvirtuosen Gruppen-Choreografien, George Balanchines "Rubies" aus dem Ballett "Jewels" und den enervierend sportiven Marathon "Half Life" von Sharon Eyal und Gai Behar auf die motorische Klangkulisse von Ori Lichtik, bei dem Tanzensemble und Publikum am Ende der 4-Stunden-Gala darum ringen: wer hält länger durch? Die Kenner im Parkett spendeten schließlich den Könnern auf der Bühne minutenlange, laute Ovationen.

Diese Preisverleihung versuchte den Spagat von neoklassischem Tanz im Galaformat und zeitgenössisch-experimentellen Formen der sogenannten Freien Szene mit ihren soziokulturellen und gesellschaftskritischen Ansätzen. Ohne eine erklärende und verbindende Moderation dieser beiden Pole, funktioniert die einst vorbildlich reibungslose Dramaturgie und Organisation der Gala nicht mehr. Soll die Signalwirkung des Deutschen Tanzpreises als Gala-Event erhalten bleiben, muss man über den Ort der Verleihung und das Format noch einmal gründlich nachdenken.

Veröffentlicht am 20.10.2019, von Marieluise Jeitschko in Homepage, Kritiken 2019/2020, Leute